Eine positive Reiteinheit gestalten trotz angespanntem Pferd

Es war heute stürmisch, windig und es klapperte in der Reithalle an allen Ecken und Enden. Ich war entspannt. Mein Pferd ist nicht wie viele andere Vierbeiner auf dem Hof drei Jahre alt und erst seit kurzem unter dem Sattel, sondern stolze 25 Jahre. Eigentlich ein alter Hase. So hatte ich mir heute auch einfach nur ein Fortführen und Festigen unserer momentanen Aufgaben vorgenommen. Es macht mit ihm momentan riesig viel Spaß. Wir sind oft eine verschmolzene Einheit und es gab auch viele Aha-Erlebnisse, und schwierige Aufgaben haben sich für uns gelöst. Knoten sind geplatzt. Kurz: Ich war guter Dinge.

Anders mein Pferd Pino: er war angespannt, mental wie körperlich. Er horchte auf jedes Geräusch. Auch davon war ich noch nicht beeindruckt.  Er ist sehr empfindlich, oft guckig, bin ich dann klar und reite in Ruhe an den Punkten vorbei, erst im langsamen Tempo, dann im Trab oder Galopp, funktioniert es meist wunderbar. Eins ist mir dabei wichtig: Wir gehen immer den Weg, den ich mir vorgenommen habe, damit er sich erst gar nicht daran gewöhnt, dass Flüchten eine Option ist. Ich bin dabei ruhig und klar  - auch wenn es bei den ersten Malen noch nicht in wunderschöner Haltung funktioniert.

 

Heute funktionierte es nicht, gar nicht. Ich gebe zu, ich bin wütend geworden. Ich habe ihn durch Sachen durchgeritten und bin Lektionen geritten, die er angespannt und unschön umgesetzt hat. Schon währenddessen fühlte es sich für mich nicht richtig an - und ja, es war nicht die ganze Zeit so, es gab kurze Momente, in denen es besser war. Der Frust überwiegte. Und auch schon währenddessen begann meine Scham und eine innere Stimme: “Was bringst du gerade deinem Pferd bei?” “Wie fühlt er sich gerade?” “Das ist doch nicht sinnvoll, ändere was.” “So schaffst du kein Vertrauen!” Es gab auch noch eine andere Stimme, die geantwortet hat: “Er ist jetzt 25, das darf doch wohl nicht wahr sein.” “Wieso, verdammt, vertraut er mir nicht, so eine schlechte Führungsperson bin ich nicht.” “Er muss nur Aufgaben zum Ablenken bekommen, damit er sich auf mich konzentriert.” “Wenn ich etwas abgaloppiere, wird es sicher besser.” Huijui, kennt ihr das?

Zusammenfassend kann ich sagen, dass wir nicht zusammengekommen sind. Weder für ihn noch für mich war es eine positive Einheit, die ihn motiviert das nächste Mal dabei zu sein. Ein für mich normalerweise sehr wichtiger Punkt während einer Reiteinheit: Meinem Pferd ein Erfolgserlebnis zu geben, ein positives Gefühl für sich selbst, dass er mit Stolz und Spaß beim nächsten Mal wieder am Start ist. Heute habe ich dies nicht geschafft. Ich war weit davon entfernt. Ich habe kein Vertrauen aufgebaut. Ich hoffe, dass ich keine Vertrauen zerstört habe und das nach 15 gemeinsamen Jahren das Positive überwiegt.

Und nu? Von Christoph Avery und seinem “Responsibility Process” weiß ich, dass Scham keine Lösung ist, sondern nur eine Stufe auf dem Prozess wirklich Verantwortung für das eigene Handeln und die Situation zu übernehmen. Mein Über-Ehrgeiz hat mich hart, fest und unflexibel gemacht. Ich kann aber jetzt überlegen wie ich damit umgehen möchte, in Zukunft. Abgesehen davon mir zu verzeihen, das ist schon mal ein Anfang. ;)

 

Das nächste Mal möchte ich etwas am Umfeld verändern. So zum Beispiel aus der Halle rausgehen und draußen auf dem Dressur- oder Springplatz arbeiten. Als Kind fühlte ich mich immer sicherer in der Halle, das Pferd kann dort ja nicht weglaufen. Mittlerweile ist es bei mir genau andersrum, weil ich merke wie es mein Pferd beruhigt, wenn es weit sehen kann. Wenn Pino sieht, woher die Geräusche kommen, wenn er sie zuordnen kann. Und auch wenn der visuelle Reiz größer ist. In der Halle ist es oft ein Punkt (Decke, Stuhl oder Aufstieg), der ihn visuell immer wieder reizt, und das nicht zum Positiven. Auf einem Platz gibt es für ihn mehr zu sehen, aber er hat wohl auch die angenehme Entspannung im Zweifel genug Raum zum Flüchten zu haben.

Eine andere systemische Veränderung wäre, für 5 bis 10 Minuten abzusteigen. Das Verrückte ist, dass ich daran schon während des Reitens gedacht hatte. Meine innere Stimme: “Ph, was soll das denn ändern?” ‘Ich bin doch die Gleiche, ob ich hier oben sitze oder kurz ab- und wieder aufsteige.” Ich möchte es das nächste Mal probieren, weil ich es in anderen Situationen als sehr hilfreich empfunden habe, einen kurzen Rückzug zu wählen, die Situation selber mit einem kurzen Abstand, einer kleinen Verschnaufpause zu betrachten. In anderen Situationen hat es dazu geführt, dass andere Parts in mir zu Wort kamen. Nicht die Stimme des Überehrgeizes, sondern auch eine ruhigere, besonnenere, die mit sehr viel Präsenz einen anderen Lösungsweg gefunden hat. Falls dieser Dialog irgendwann stattfindet, werde ich berichten.

Eine weitere Lösung ist für mich das Halten. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich liebe das Verladetraining von John Lyons. Nach der Methode, die er in seinem Buch (“Pferdetraining ohne Zwang: Das System der kleinen Schritte von John Lyons”) beschreibt, habe ich erfolgreich trainiert mein Pferd zu verladen. Pino steigt zuverlässig in den Hänger.

 

Die Eckpunkte dieser Methode sind:

  • Wenn dein Pferd vor dem Hänger anhält, lass es dort drei Minuten stehen (das fühlt sich irre lang an!). Dann fordere es zum Weitergehen auf, mit einem vorher eingeübten Kommando wie touchieren an der Hinterhand.
  • Es darf immer wieder von alleine anhalten, und sich sozusagen selbst die Zeit nehmen, die es braucht, um mit einer herausfordernden Situation umzugehen.
  • Sobald du es zum Losgehen aufforderst, sollte es vorwärts gehen, sei es auch nur einen Schritt.
  • Nase und Kopf sollten immer in der Richtung zeigen, wo du hin möchtest, dass es hingeht. Beim Verladen in Richtung des Hängers.

Dein Pferd darf also das Tempo bestimmen, du bestimmst die Richtung und darfst erwarten, dass es auf dein Kommando antwortet. (Ausführlicher ist es natürlich im Buch beschrieben)

 

Dieses Hängertraining hat mir gezeigt, dass Pino mit für ihn beängstigende Dingen viel besser umgehen kann, wenn er Zeit bekommt. Ich habe es ebenfalls schon für Ausritte eingesetzt (diese waren früher alleine mit ihm nicht möglich). Anders als bei dem Hängertraining, gebe ich hierbei auch die Hilfe zum Halten. Da es ja nicht nur den einen Schreckpunkt Hänger gibt. Von außen betrachtet halte ich also übertrieben oft an wie z.B. alle 4-5 Meter. Solange bis ich merke, dass er in einem entspannten Schritt angeht. Ich möchte wetten, dass durch zwei, drei Runden in dieser Art Pino auch heute ruhig und entspannt, also innerlich und äußerlich losgelassen geworden wäre.

 

Mein Fazit 

Bei allen drei Lösungsansätzen biete ich meinem Pferd eine Verlässlichkeit. Er lernt, dass er mir auch in für ihn schwierigen Situationen vertrauen kann. Ich kann dann innerlich weich bleiben, und mein Pferd findet in mir einen souveränen Partner. Ich stärke die Verbindung zwischen uns. Durchbreche ich meine - ich nenne es mal “Ehrgeiz-Spirale” - kann ich diese Einheit zu einem positiven Ergebnis bringen. Aus dieser Verbindung, was jetzt nicht überraschend ist, kann ich vielleicht sogar auch an so einem Tag noch an die Erfolgserlebnisse der letzten beiden Wochen anknüpfen.

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