Es ist nie zu spät

Vor 16 Jahren, als ich mein Pferd Pino gerade mal ein paar Monate hatte, bin ich mit geschlossenen Augen, ohne Sattel und nur mit Halfter auf dem Platz geritten. Auf einmal fing er an zu galoppieren. Ich weiß noch wie ich dachte, hm, das ist ja seltsam, aber wenn er will, dann mal los. Er war auch nicht angespannt, er fühlte sich ganz ruhig und gelassen an. Womit ich allerdings nicht gerechnet habe, war, dass er zu einem Cavaletti hingaloppierte. Tja, und mit geschlossenen Augen, habe ich es natürlich nicht gesehen 😜 Er sprang mit mir tatsächlich drüber, und für mich kam es zwar überraschend, es war aber auch total ruhig, motiviert und freudig. Das mag jetzt für viele Springpferde der Normalzustand sein, für Pino leider nicht. Er hat gewaltvolle Erfahrungen als junges Pferd vor dem Sprung gemacht, und die 3 Springstunden, die ich bei meinem Springlehrer mit ihm probiert hatte, waren voller Stress für uns beide, viel Aufregung, Angst und Verweigern. Ich hatte das Springen abgeschrieben.  

 

Total gerne würde ich jetzt schreiben, dass sich nach diesem Erlebnis das Blatt sofort wendete, und wir ein total freudiges Spring-Pferde-Reiter-Pärchen geworden sind. 
Leider nein. Die Geschichte auf dem Platz ging weiter:

Wenn ihm das so Lust macht, dachte ich, reite ich doch nochmal an. Und um wieder ohne Druck zu reiten, habe ich wieder die Augen geschlossen, ihn nicht getrieben, um ihn einfach machen zu lassen. Wir trabten wieder auf das Cavaletti zu, er galoppierte nicht an, nahm es fast lustlos. Hm, dachte ich, na ja, noch ein Versuch. Jetzt blieb er sogar davor stehen! Bähm, was für ein Spiegel. Er spiegelte mein Unterbewusstsein, ich war ängstlich und wollte nicht über das Cavaletti. 

 

Und – auch wenn das vielleicht erschütternd ist und ich zwischendurch noch einige Anläufe genommen habe – es hat sich nichts geändert. 16 lange Jahre lang nicht. 
Gestern Abend alleine in der Halle habe ich mir ein paar Cavalettis und Stangen aufgebaut. Er war toll, unaufgeregt. Er ist, dank einer Trainerin, die seit einem Jahr einmal in der Woche vom Boden mit ihm an Stangen und Cavalettis arbeitet (und die gleiche Freude am Springen hat wie er selbst 😉 sehr gelassen geworden. Und dann war es soweit, ich habe ihn am langen Zügel ausgaloppiert, ihn gelobt und er fragt, ob wir die Reihe nochmal nehmen wollen, ich lasse ihn und diesmal nimmt er mich mit am durchhängenden Zügel, sein Mut trägt mich mit rüber. Vielen Dank an dieses tolle Pferd! Er ist jetzt 27 Jahre alt.

Es ist nie zu spät, eine Geschichte neu zu schreiben 😍🥰

Kommentar schreiben

Kommentare: 0